Mittwoch, 24. Oktober 2018

Herrnhut? Weltkulturerbe?

So oder so ähnlich haben sich sicher viele Menschen die Frage gestellt als sie das erste Mal mit diesem Thema konfrontiert wurden: „Herrnhut? Weltkulturerbe?“
Und so ähnlich ist es mir wohl auch ergangen, als ich im Februar das erste Mal auf diese Möglichkeit hin angesprochen wurde.
Das Sächsische Innenministerium formulierte konkret die Frage, ob sich die Stadt Herrnhut vorstellen könnte, gemeinsam mit der Stadt Bethlehem (USA) einen gemeinsamen Bewerbungsprozess durchzuführen. Durch die Anerkennung von Christiansfeld (DK) im Jahr 2015 bestünde die Möglichkeit und der Wunsch, Ergänzungsanträge für weitere historische Orte aus dem Netzwerk der Brüdergemeine auf den Weg zu bringen, darunter nun eben auch Herrnhut.
Nach einem Sondierungsgespräch im März wurde diese Idee zunächst im Stadtrat vorgestellt und es gab verschiedene Gespräche mit der Brüdergemeine.

Bevor ich einige Details beschreiben will, möchte ich alle Interessierte ganz herzlich zu einem offenen Einwohnerabend einladen, bei dem das Projekt ausführlich vorgestellt werden soll:

am Dienstag, 23.10.2018, um 19 Uhr im Feuerwehrheim Herrnhut

An diesem Abend werden auch Experten anwesend sein, die für Fragen und Gespräche zur Verfügung stehen.

Inhaltliche Hintergründe
Die Geschichte Herrnhuts ist einerseits relativ bekannt und andererseits auch nicht in drei Sätzen zusammen zu fassen. Mit knappen Sätzen könnte man vielleicht sagen: Herrnhut hat durch seine Gründungsgeschichte, seine städtebauliche Entwicklung und die Brüder-Unität eine weltweite Ausstrahlung entfaltet, die bis heute andauert. Bis heute gibt es ca. 40 Orte weltweit, die sich auf Herrnhut zurückführen lassen - architektonisch/städtebaulich und religionswissenschaftlich. Bis heute ist die Brüder-Unität weltweit präsent.

Aktuelle Überlegungen
Die Herrnhuter Siedlung Christiansfeld in Dänemark (gegr. 1771) wurde 2015 als UNESCO-Weltkulturerbestätte anerkannt. Bereits im Zusammenhang mit dieser Bewerbung wurde die Frage diskutiert, inwieweit nicht Herrnhut – als Ursprungsort – in diese Bewerbung eingebunden werden sollte. Dazu hatte es 2012 bereits Gespräche gegeben. Dies ist allerdings nicht weiter verfolgt worden, weil die Bewerbung von Christiansfeld schon in einem weit fortgeschrittenen Stadium war. Allerdings ist im Bewerbungsverfahren durch die internationale Denkmalschutzbehörde deutlich gemacht worden, dass die Ernennung von Christiansfeld nur ein Anfang sein sollte und sowohl Herrnhut als auch andere Siedlungen dieser Art mit in diesem Zusammenhang gesehen werden müssen. Letztlich soll eine internationale Reihe/Serie von Welterbestätten entstehen, die alle den gleichen historischen Hintergrund haben.

2017 wurde dann bekannt, dass sich in den USA die Herrnhuter Siedlung Bethlehem (Pennsylvania, gegr. 1741) auf den Weg einer Bewerbung gemacht hat und auf die Bewerbungsliste der USA gestellt wurde. Durch diesen Fakt wurde der Gedanke von Seiten der UNESCO wieder aufgegriffen, dass doch eigentlich Herrnhut mit in diese Bewerbung einbezogen werden müsste.
Da allerdings in Deutschland eine Vielzahl von Bewerbungen aus allen Bundesländern vorliegen und es im Moment sehr unrealistisch ist, in absehbarer Zeit eine völlig neue deutsche Bewerbung zum Erfolg zu führen, wurde der Gedanke einer bi-nationalen Bewerbung – gemeinsam mit Bethlehem -  geboren.

Was hat der Status des Welterbes für Konsequenzen vor Ort?
Der Welterbestatus wird für einen bestimmten, räumlich abgegrenzten Raum (Fläche, Stadtteil) vergeben. Dieser zu definierende Bereich steht dann unter besonderem Schutz und besonderer Beobachtung. Ebenfalls müssen Erhaltungsziele und –pläne formuliert werden. Konkret für den Ortskern Herrnhut könnte dieses Gebiet etwa dem Erhaltungsgebiet „städtebaulicher Denkmalschutz“ entsprechen. Auf dieses Areal bezieht sich ja auch die schon existierende Erhaltungssatzung. Insofern ist Herrnhut-Ortskern bereits unter strenger „Beobachtung“ durch den Denkmalschutz. Größere bauliche Maßnahmen in diesem Gebiet müssen abgestimmt werden und müssen den Erhaltungszielen entsprechen.
Neben den materiellen / baulichen Dingen wird eine Bewerbung Herrnhuts aber auch auf immaterielle Dinge abheben. Es geht auch um die Dinge „hinter den Fassaden“, um die Ideen und Konzepte.

Wie läuft das Bewerbungsverfahren ab?

Das Verfahren ist ein mehrjähriger Prozess, der durch staatliche Stellen koordiniert wird. Derzeit ist vorgesehen, dass der Stadtrat Herrnhut Anfang 2019 dazu beraten und beschließen wird. Dies soll in enger Abstimmung mit der Brüdergemeine geschehen. Sollte dieser Beschluss für eine Bewerbung sprechen, dann wird die Kultusministerkonferenz über eine Aufnahme in die deutsche Tentativliste (Bewerberliste) entscheiden. Das Auswärtige Amt vertritt die Bewerbung bei der UNESCO, wo sie durch die internationale Denkmalbehörde ICOMOS bewertet und vom UNESCO-Welterbe-Komitee angenommen oder abgelehnt wird.

Was hat Herrnhut davon?

Die Anerkennung als Weltkulturerbe wäre eine zunächst eine große Wertschätzung im Hinblick auf die Geschichte, die Traditionen und das Heute unseres Ortes. Ein Welterbetitel ist jedoch keine ausschließlich rückwärtsgewandte Betrachtung. Es geht um das Bewahren und das Weitergeben – es geht um Bildung und Vermittlung von den Dingen, die einmalig und weltweit von Bedeutung sind.
Durch diesen Titel würde die öffentliche Wahrnehmung unseres Ortes deutlich gesteigert, würden neue Fördermöglichkeiten entstehen, der Tourismus wachsen und unsere Region einen positiven Impuls erhalten.
Die Welterbebewerbung wäre eine Chance für die Orts- und Regionalentwicklung. Wir stehen in den nächsten Jahrzehnten vor großen Herausforderungen. Demographie und Fachkräftemangel seien hier als Beispiele genannt. Unter diesen Gesichtspunkten brauchen wir jeden positiven Effekt,  um unseren Ort und die Region weiter voran zu bringen.

 

Ausblick

Insgesamt ist das Thema sehr komplex und es entstehen natürlich eine ganze Reihe von Fragen, die es nun nach und nach zu beantworten gilt. Auch Vorbehalte und Kritik müssen ausgesprochen und ernst genommen werden. Die Bewerbung ist kein „Selbstläufer“ und sie wird uns auch nicht „übergestülpt“. Sie wird nur funktionieren, wenn wir alle daran mitwirken und sich viele in die Diskussion mit einbringen.

Bei allen Überlegungen sind mir zwei Dinge von vornherein besonders wichtig:
Der Ortskern Herrnhut steht nicht losgelöst von unseren Ortsteilen da. Die Einbeziehung aller Ortsteile in diesen Prozess muss berücksichtigt werden. Gerade Großhennersdorf und Berthelsdorf sind mit der Herrnhuter Geschichte eng verbunden.
Genauso wichtig ist die Einbeziehung der Region, der Oberlausitz. Es geht nicht darum, Herrnhut irgendwie hervorzuheben oder als etwas Besseres darzustellen. Unser Ort ist tief in der Oberlausitz verwurzelt und aktiv an der Entwicklung der Region beteiligt.  Ein Herrnhuter Welterbetitel kann positiv für die gesamte Region wirken.

Ich möchte Sie alle herzlich einladen, sich am Gespräch über dieses Projekt zu beteiligen. Verschiedene öffentliche Veranstaltungen werden das Thema in nächster Zeit aufgreifen – der Termin am 23. Oktober wird dafür ein Auftakt.

Es grüßt Sie alle

Willem Riecke, Bürgermeister